Sechs Gründe für sexuelle Unlust beim Mann

Was ist denn hier los, fragt sie sich. Was ist nur mit ihm passiert? Am Anfang hatten sie Sex. Jede Menge sogar, zu jeder Uhrzeit, an jedem Ort. Aber heute, nicht viel später, läuft so gut wie gar nichts mehr. Der Ofen ist aus. Das kann doch aber nicht sein! Männer wollen doch immer! 

Also versucht sie es mit allen Tricks, die sie kennt. Dessous in elegant und frivol, ein Kleid mit nichts darunter an, den Slip heimlich im Restaurant zugesteckt, nackt in der Schlafzimmertür. Sie lockt ihn zu sich unter die Dusche, fällt im Hausflur über ihn her. Doch nichts passiert.

Dann verlegt sie sich aufs Reden. Aber auch hier blockt er ab. Er habe nun mal einfach gerade keine Lust, ob sie das nicht merken würde. Nein, er wisse auch nicht, was los sei. An ihr liege es bestimmt nicht, Ja, er finde sie immer noch attraktiv und anziehend. Auf der Arbeit sei gerade viel Stress und es sei doch auch so schön mit ihnen beiden.

Je mehr sie bohrt, desto mehr zieht er sich zurück. Am Ende meidet er jede Situation, in der sie ihm zu nahe rücken könnte. Sie fühlt sich am Ende mit ihrer Weisheit, kann es einfach nicht verstehen. Sie beginnt an sich zu zweifeln. Findet er sie doch nicht mehr begehrenswert? Oder oh mein Gott, steht er vielleicht gar nicht auf Frauen? Ein Mann hat doch schließlich immer Lust!

Ja, ist das wirklich so? Und wenn nicht, was kann hinter der Unlust stecken?

Unterschiedliche Ursachen mit derselben Wirkung: Keine Lust auf Sex

Nein, das Vorurteil, Männer hätten immer Lust, stimmt so schlichtweg nicht. Es gehört allerdings zu den ganz besonders hartnäckigen Vorurteilen, mit denen nicht nur Männer ​in Bedrängnis ​geraten. Frauen ​setzen sich ebenfalls unter Druck und geben diesen dann zusätzlich weiter. Wenn bei ihnen etwas nicht so läuft wie es soll, suchen Frauen die Verantwortung ganz schnell bei sich. Wir kommen manchmal nicht einmal auf die Idee, dass ​auch männliche Lust anfällig ​sein könnte für Störfaktoren.

Wir kennen das schon von Problemen mit der Erektion. Klappt es bei ihm nicht, denkt sie, es liege an ihr. Und so beziehen Frauen auch die Unlust oft auf sich. Die dabei entstehenden Selbstzweifel und Vorwürfe setzen die Abwärtsspirale weiter in Gang. Sie rückt ihm auf die Pelle, er zieht sich zurück. Die Lust verkriecht sich immer tiefer. Dabei wissen Männer oft selber nicht, was ihnen da eigentlich quer im Halse steckt.

Schauen wir uns mögliche Gründe doch einmal zusammen an.

1. ​Stress und Belastungen

Stress ist der Lustkiller Nummer Eins. Über- oder Unterlastung im Job, finanzielle Sorgen, familiäre ​Belastungen oder Zukunftsängste können dem willigsten Liebhaber die lustvolle Tour versauen. Sexualität steht ja nicht im luftleeren Raum. Sie ist eng mit unserem Leben und auch unserer Persönlichkeit verwoben. Wer im Job ständig unter Druck steht oder das Büro gleich mit ins Schlafzimmer nimmt, kann sich kaum entspannen und beim Sex mal eben so willig hingeben. Müdigkeit kommt dann noch on top als Sahnehäubchen ​obendrauf. 

Wir kennen das vom Appetit. Auch der kann bei Belastungen komplett zum Erliegen kommen. Da sollte ein Paar gemeinsam schauen, wie sich an der Situation etwas ändern lässt und wo Freiräume geschaffen werden können.

gegen Unlust mehr Appetit

Apropos Appetit: Auch beim Essen wünschen sich  die meisten von uns etwas Abwechslung. Immer dieselbe Tomatensauche zu den Spaghetti kann zwar leicht zur Gewohnheit werden, ist aber auf Dauer wenig befriedigend. Genauso ist es auch beim Sex. Immer d​erselbe Ablauf kann schnell zur Gewohnheit werden, ist damit aber vorhersehbar und nimmt so die Spannung ​aus der Lust. Und schwupps, stellt sich sexuelle Langeweile ein.

2. Vermeidungsverhalten und Ausweichmanöver

Unlust kann für ein Vermeidungsverhalten stehen. Er möchte sexuellen Situationen möglichst aus dem Weg gehen, weil er Angst hat, beim Sex zu versagen oder auch nicht gut genug für seine Partnerin zu sein. So mancher Mann hat im Hinterkopf, sich als potenter und erfahrener Liebhaber beweisen zu müssen. Er prescht also innerlich nach vorn, kann dann nicht mit seinen (oder ihren) Erwartungen mithalten und bremst sich damit selber aus. 

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen immer noch meinen, nur der Geschlechtsverkehr sei echter Sex. Gibt es dabei einen Störfall, sei es eine nicht zur Zufriedenheit ausfallende Erektion oder ein Problem mit seinem oder ihrem Orgasmus, schrillen die männlichen Alarmglocken. Wenn sich eine Frau dann auch noch mehr wünscht, verunsichert das den geplagten Liebhaber doch ordentlich.

Hier hilft eine aufklärende und entlastende Paar- oder Sexualberatung. Oder einfach einmal einen Schritt zurück machen und ganz entspannt und langsam ​mit  sinnlichen Berührungen und ganz viel Nähe von vorn anfangen. Runter vom Gaspedal!

​3. Sexuelle Wünsche und Fantasien

Sexuelle Wünsche und Fantasien sind ein heißes Eisen. Niemand möchte den anderen verschrecken oder abgewiesen werden. Für manche sind die eigenen Wünsche an sich schon so problematisch, dass sie sich diese selber kaum eingestehen möchten. Und noch viel mehr Menschen wissen nicht einmal, was sie eigentlich wollen. Das sind im Übrigen nicht nur Frauen. 

Nun verhält es sich aber so: Wenn wir dauerhaft nicht erfüllt bekommt, was wir uns sehnlichst wünschen, können wir leicht die Lust am Sex verlieren. Das, was wir da machen, mag am Anfang ja ganz nett sein, auf Dauer fehlt aber der dringend benötigte Zündstoff für das erotische Feuerwerk. Es fehlt die Motivation. Auch das gilt für Männer genauso wie für Frauen.

Es erfordert etwas Mut, aus den eingefahrenen Mustern auszubrechen. Aber es lohnt es sich, denn es wartet eine lustvolle Sexualität! Aus meiner Sicht ist es wichtig, Wünsche in Ich-Form zu äußern und nicht in Forderungen oder gar Vorwürfen. „Ich vermisse...“, „Ich wünsche mir...“.

4. ​Innere Glaubenssätze

Auch ein lustfeindlicher Erziehungsstil, religiöse Verbote, moralische Wertvorstellungen oder auch psychische oder sexuelle Missbrauchserfahrungen ​können sich auf die männliche Lust auswirken. Gerade letzteres ist besonders schwerwiegend, da der erlebte Kontrollverlust und Ohnmachtserfahrungen im krassen Gegensatz zur gesellschaftlich erwarteten männlichen Rolle stehen. 

Es darf ​auch nicht unterschätzt werden, was wir an Glaubenssätzen aus Kindheit und Jugend mitbringen. Von dem Glaubenssatz „Männer können immer, Männer wollen immer“ bis hin zu „Männer sind in ihrer Sexualität aggressiv und gewaltbereit“ habe ich schon so ziemlich jede Nuance gehört. Am Ende steht jeweils eine Entfremdung den eigenen Wünschen und Bedürfnissen gegenüber.

Hier empfiehlt sich eine Sexualtherapie, um den Zweispalt zwischen Wunsch und Gewissen zu überbrücken.

​5. Pornokonsum und einseitige Masturbationstechniken

Ein sehr aktuelles Thema im Rahmen sexueller Unlust beim Mann ist der Pornokonsum. Ich bezeichne Pornos gern als Brandbeschleuniger der Lust. Auf dem Bildschirm lassen sich innerhalb kürzester Zeit mit äußerst geringer Anstrengung die schönsten Frauen, die ausgefallensten Praktiken und die ungewöhnlichsten Fantasien finden. Dazu sind keine Gespräche, keine Bemühungen, keine Einladungen, keine Verführung nötig. 

Vor allem gibt es keine Frustration und Verletzungen aufgrund von Ablehnung. Pornolust ist immer verfügbar.

Zudem wird das erotische Repertoire sehr eingeschrumpft. Denn das einzige, was hier zählt, sind meist Augen, Hand und Penis. Dieses Zusammenspiel findet auf eine Weise statt, wie sie später in der partnerschaftlichen Sexualität nur schwer wiederholt werden kann. Die Folge können dann hier wiederum Orgasmus- oder Erektionsstörungen sein, die am Ende zum oben angesprochenen Vermeidungsverhalten führen. 

Was hilft? Verzicht auf Pornos, um das eigene Erregungslevel wieder zu normalisieren.

​6. Körperliche und psychische Erkrankungen

Gesundheitliche Gründe können ebenfalls eine Rolle spielen. Medikamente wie blutdrucksenkende Mittel, Antidepressiva oder auch die Pille verzeichnen unter den Nebenwirkungen Unlust. 

Auch Erkrankungen wie Depressionen, Krebs oder Diabetes mellitus können zum sexuellen Rückzug führen. Entweder als direkte körperliche Auswirkung oder weil Menschen sich in ihrer Haut einfach nicht mehr wohl fühlen.

​Und dann haben wir noch einen fallenden Testosteronspiegel. Prof. Dr. Frank Sommer vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg hält diesen sogar für einen der Hauptgründe für sexuelle Unlust beim Mann. Aber keine Panik, dieser fällt dem Arzt zufolge ab dem 35. Lebensjahr langsam ab und kann sich dann Jahrzehnte auf einem Niveau halten.

Es lohnt sich in allen Fällen, mit dem zuständigen Arzt oder Ärztin zu sprechen und zu sehen, ob und wie Abhilfe geschaffen werden kann.

​Finde heraus, was Du brauchst oder was ​Du Dir wünschst

​Auf den ersten Blick ist von außen gerade auch für die Betroffenen selbst selten erkennbar, welche Gründe nun genau zur sexuellen Unlust führen. Männer haben verinnerlicht, möglichst keine körperlichen Erkrankungen oder gar psychische Probleme haben zu dürfen. Es gibt je nach Thema unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten. Zuweilen braucht es aber auch einen detektivischen Spürsinn und Hilfe von außen. Offene Gespräche innerhalb der Paarbeziehung können auf jeden Fall ein gegenseitiges Verständnis wecken. Es ist immer besser, wenn zwei an einem Strang ziehen und nicht jeder für sich seine oder ihre eigene Suppe kocht.

Anja Drews
 

Als Dipl.-Sexualpädagogin, Sexualtherapeutin und Sexualwissenschaftlerin unterstütze ich Menschen dabei, ihren ganz eigenen Weg in dieser wohl spannendsten und vielfältigsten Seite unseres Lebens zu finden. Meine Arbeit erfüllt mich mit großer Freude und begeistert mich immer wieder aufs Neue! Ausführliche Informationen über mich findest du hier auf der Seite.

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Anja

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