Wenn sexuelle Unlust zum Druckmittel wird

Wer hat nicht schon einmal keine Lust gehabt? Das kommt hin und wieder vor. Zu müde, zu wenig Abwechslung, zu viel Netflix. Vielleicht hat es auch einfach am passenden Partner*in gemangelt. Solche Phasen gehören zum Leben einfach dazu, auch wenn uns die Medien permanente Lust und sexuelle Verfügbarkeit vorgaukeln. Solange wir damit zufrieden sind und niemand uns drängelt, ist das auch völlig ok.

In Beziehungen kommt es nach der wilden Anfangszeit jedoch häufig zu einem altbekannten Mechanismus: Eine Person hat scheinbar plötzlich weniger Lust. Und je weniger Lust sie hat, desto drängender wird es bei der anderen. Oder umgekehrt: Je mehr Lust die eine Person hat, desto mehr zieht sich die andere zurück. Für beide Seiten ist dies ein wahrlich unbefriedigender Zustand. Der aktivere Partner fühlt sich nicht gesehen, vielleicht sogar nicht mehr begehrt oder gar geliebt. Und der passivere Partner muss den anderen immer wieder abweisen und damit Zoff in der Beziehung riskieren. Und er (oder sie) fühlt sich am Ende womöglich gar nicht mehr gemeint, so als wolle der aktive Partner vor allem seine (oder ihre) Lust stillen.

Eine Pattsituation. Es geht nicht vor und nicht zurück. Beide drängen sich gegenseitig immer weiter in die Enge. Es scheint, als sei hier vor allem der drängende Partner Schuld an der unglücklichen Situation. Es scheint fast, als hätte der lustlose Partner gar keinen Anteil daran. Denn wenn die Lust weg ist, ist sie weg. So sieht es doch wohl aus! Da kann man ja nun wirklich nichts machen. Hm, ist das wirklich so? Oder gibt es nicht doch noch eine ganz andere Betrachtungsweise?

Der ganz normale Sadismus in der Beziehung

Es ist tatsächlich nur auf den ersten Blick eine passive Haltung, wenn der oder die eine die Lust am Sex oder überhaupt auf körperliche Nähe verliert. Nur scheinbar kann diese Person nichts dafür, nur scheinbar ist sie ihrer Unlust ausgeliefert. In Wahrheit bedeutet es, dass hier bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt werden, unbewusst oder eben auch bewusst. Es kann sogar das komplette Gegenteil davon sein, nämlich ein aktiver Widerstand. Der amerikanische Sexualtherapeut David Schnarch spricht in diesem Zusammenhang gar vom „normalen ehelichen Sadismus“. Wenn du mir nicht gibst, was ich möchte, bekommst du auch nicht, was du dir wünschst.

(Schnarch, David. Die Psychologie sexueller Leidenschaft. Piper Verlag GmbH: 11. Auflage 2011, ab S. 363)

Und es wird problematisch, wenn die Unlust als Druckmittel eingesetzt wird. Lustlosigkeit als Druckmittel? Übt nicht immer derjenige, der oder die mehr Lust hat, Druck aus? Ja, auf den ersten Blick mag das so scheinen. In Wirklichkeit jedoch hat die Person die Macht, die weniger oder sogar keine Lust hat. Denn sie bestimmt, ob und wie oft es zum gemeinsamen Liebesspiel kommt. Und das kann für ordentlich Zündstoff sorgen.

Unlust als Druckmittel

„So etwas würde ich nie machen!“ mag jetzt der eine oder die andere entrüstet ausrufen. Vielleicht stellen wir uns quer, wenn es um die Urlaubsplanung geht oder um den Besuch bei den Schwiegereltern. Aber so  verhalten wir uns doch nicht beim Sex! Niemals! Ich behaupte: Doch und zwar ganz genau hier. Wenn wir wirklich in uns gehen, dann finden wir vermutlich alle eine Situation, in der wir schon einmal zu dieser Maßnahme gegriffen haben. Auch ich habe es schon getan und meinem Partner die Lust verweigert. Ich kann mich sogar ganz genau erinnern. Und auch daran, dass ich mir damit ins eigene Fleisch geschnitten habe. Denn indem ich ihm den Sex verwehrte, habe ich auch mir das Vergnügen und die Nähe genommen.

Die Gründe können von Paar zu Paar ganz unterschiedlich sein: Wenn du mir nicht im Haushalt hilfst, schenke ich dir kein orales Vergnügen. Wenn du mich im Alltag nicht wertschätzt, wertschätze ich dich nicht im Bett. Wenn du dir beim Sex keine Mühe gibst, entziehe ich mich dir ganz. Zur Beruhigung: Meistens sind uns diese Zusammenhänge gar nicht bewusst. Und es braucht schon Zeit und vor allem Selbstreflexion, um die Verhaltensmuster aufzudecken.

Die Rückkehr in kindliche Verhaltensmuster

Wodurch entsteht aber dieses Verhaltensmuster? Immerhin scheint es doch etwas kindlich, wenn der Trotz die Oberhand gewinnt. Und so ist es auch, wir wiederholen Muster aus der Kindheit. Die „widerwärtige Seite“ an uns, so nennt es Schnarch. Wir alle „quälen die, die wir lieben, während wir gleichzeitig so tun, als merkten wir es nicht.“ Und so etwas tun wir vor allem in der Beziehung, vielleicht, weil wir hier am verletzlichsten sind.

Keine Lust - sexuelle Unlust

Wir kennen das noch aus einer anderen sehr intimen Beziehung, nämlich aus der zu den Eltern. Auch hier kann es irgendwann einmal einen Moment geben, an dem wir unseren Kindern unsere Aufmerksamkeit vorenthalten bzw. Sie unter Druck setzen: „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, dann darfst du .... nicht.“ Und auch unter guten Freund*innen kennen wir dieses Verhalten ab und an. Das Ganze hat (leider) auch einen Benefit. Denn wir diejenigen sind, die sich entziehen und die Zustimmung verweigern, stehen wir in der Umstimmungsdebatte im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Und wie beim Sex haben wir nun die Macht und bestimmen über das, was geht und was nicht geht. Man kann darüber streiten, ob das nun die feine Art ist. Aber auch das kennen wir von Kindern und übrigens auch aus der Hundeerziehung: Negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine Aufmerksamkeit.

Seien wir erwachsen und übernehmen die Verantwortung für uns selbst!

So, das ist ja alles gut und schön. Aber was können wir konkret machen? Ich hatte es weiter oben erwähnt. Hinter der Unlust stecken oft die unerfüllten Bedürfnisse, die in uns schlummern und nicht herauskommen. Wir wünschen uns etwas, das wir aber nicht aussprechen und dessen wir uns nicht selten noch nicht einmal bewusst sind. Diese Bedürfnisse müssen gar nicht immer sexueller Natur sein. Wobei das natürlich auch ein großes Thema ist. Sex macht auf Dauer nur Spaß, wenn ich authentisch sein kann und meine Bedürfnisse gestillt werden.

Aber die Ursache kann hier eben auch im Alltag, in der Beziehung der Partner zueinander stecken. Fühle ich mich gesehen, wahrgenommen, wertgeschätzt? Schenkt mir meine Partnerin oder mein Partner die Aufmerksamkeit, die ich mir wünsche? Tragen wir die Verantwortung für unseren Beziehungsalltag gemeinsam? Wenn nicht, kann es sein, dass ich Lust und Sex bewusst oder unbewusst als Druckmittel einsetze?

  • ​Beobachtet Euch selbst im Alltag und achtet darauf, ob Ihr in bestimmten Situationen innerlich in den Widerstand geht. Gibt es Momente, in denen Ihr etwas aus Kalkül nicht zulassen wollt? Hier ist es noch etwas einfacher und manchmal gar nicht so subtil wie bei der Lust. Je besser Ihr Euer Verhalten erkennt, desto klarer werden Euch die Zusammenhänge.
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    ​Wenn Euch die Lust abhanden kommt, beobachtet Euch auch hier ganz genau und überlegt, was WIRKLICH los ist. Was könnte hinter der Lustlosigkeit stecken? Wie fühlt sich das genau an? Und vor allem stellt Euch die Frage: Habt Ihr WIRKLICH keine Lust oder WOLLT Ihr nur keine Lust haben?  Denn das ist ein großer Unterscheid!
Lust gewinnen und endecken

Und jetzt könnt Ihr Euch die Frage stellen, was Ihr mit Eurem Verhalten erreichen wollt:

Geht es darum, dass Euer Partner oder Eure Partnerin ihr oder sein Verhalten ändert? Gibt es noch andere Wege, als den Entzug der sexuellen Aufmerksamkeit? Welche Möglichkeiten stehen Euch noch zur Verfügung, um diesen Konflikt zu lösen? Denkt daran, dass vielleicht der kindliche Trotz in Euch zu dieser Maßnahme greift. Wie aber würde der Erwachsenen in Euch handeln? Auf welchem anderen Weg könnt Ihr die Verantwortung für Euch selbst übernehmen? Und dann denkt an meine Worte: Wem schadet Ihr mit Eurem Verhalten wirklich? Letztendlich beschneidet Ihr Euch selber, indem Ihr Euch Stück Lebendigkeit nehmt.

Anja Drews
 

Als Dipl.-Sexualpädagogin, Sexualtherapeutin und Sexualwissenschaftlerin unterstütze ich Menschen dabei, ihren ganz eigenen Weg in dieser wohl spannendsten und vielfältigsten Seite unseres Lebens zu finden. Meine Arbeit erfüllt mich mit großer Freude und begeistert mich immer wieder aufs Neue! Ausführliche Informationen über mich findest du hier auf der Seite.

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Anja

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