Was ist ein Lecktuch und warum wird es benutzt?

Kondome kann jeder. Dank der weitverbreiteten und mittlerweile sehr unterhaltsamen Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) wissen heute die meisten Menschen, wofür sie da sind (Schutz vor ungewollten Schwangerschaften, Safer Sex) und wie sie verwendet werden (auspacken, über den Penis rollen, Sex haben, wegwerfen, fertig). Die Anwendung wird heute bereits in der Schule trainiert.

Ambitionierte SexualpädagogInnen nehmen dazu Penisattrappen und lassen kichernde, sich windende Teenies ausprobieren. Die einen kichern, weil sie noch nicht wissen, was da im Ernstfall auf sie zukommt und die anderen, eben weil sie es schon wissen.

Während die meisten eine Ahnung davon haben, dass es neben Kondomen noch viele andere Arten gibt, Schwangerschaften zu verhüten (Pille, Spirale, Diaphragma, fruchtbare Tage zählen), könnte man auf die Idee kommen, für Safer Sex gäbe es nur Kondome.

Safer Sex bedeutet, sich vor der Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Infektion (kurz STI für Sexually Transmitted Infections) zu schützen. In Umkehrschluss würde dies dann bedeuten, dass wir mit der Verwendung eines Kondoms sicherstellen, uns nicht mit HIV oder Hepatitis anzustecken.

Doch weit gefehlt. Denn weder ist Sperma die einzige Körperflüssigkeit, in der sich die Erreger dieser unangenehmen Infektionen liebend gern tummeln, noch sind HIV und Hepatitis die einzigen sexuell übertragbare Infektionen. Ups. Und deswegen reichen Kondome noch lange nicht aus.

Und noch etwas: Diese winzigkleinen fiesen Erreger brauchen keinen Penis und kein Sperma, um sich fröhlich auszubreiten. Sie kommen ganz ohne aus. Denn sie lieben auch das weibliche Genitale mit seinen zarten Schleimhäuten. Unser unisexueller Hintereingang ist bei ihnen ebenfalls sehr begehrt. Das bedeutet, dass bei allen sexuellen Praktiken mit und ohne Penis samt Ejakulation, Sexspielzeug und bei allen Konstellationen der Geschlechter auf Safer Sex geachtet werden muss (sofern wir unsere Sexualpartner*innen häufiger wechseln). Und hier kommt das Lecktuch, auch Dental Dam genannt, ins Spiel.

Was wird geleckt?

Die Bezeichnung Lecktuch kommt naheliegend von Lecken.

Hm. Lecker. Was lecken wir denn so Feines beim Sex? Im Idealfall den ganzen Körper, im Normalfall die Genitalien. 

Während dieses beim Mann etwas irreführend als Blasen oder Blow Job bezeichnet wird, nennen wir es bei Frauen Lecken oder Lick Job. Geleckt wird die Vulva mitsamt ihrer äußeren und inneren Lippen, der Klitoris, des Scheideneingangs bis hin zum unisexuellen Anus.

Ganz Gewitzte stecken ihre Zunge so weit es geht in die Körperöffnungen hinein und kitzeln dort die Lust zutage.

Für die Liebkosung des Hintereingangs gibt es auch wieder eigenen Namen: Wir sprechen vom Anilingus oder Rim Job (Rimming). Und auch hierbei kommen die Lecktücher zum Einsatz.

Wie die Erreger von sexuell übertragbaren Infektionen (STI) in den Körper gelangen

Bei all diesen Vergnüglichkeiten berühren sich die Schleimhäute zweier Personen (Mund und Genitale), wobei es auch zum Austausch von Körperflüssigkeiten kommt. Und in eben diesen Körperflüssigkeiten befinden sich die Erreger der STI. Sind diese vorhanden, können sie in beide Richtungen überspringen.

Das bedeutet, sowohl der oder die Leckende als auch der oder die Empfangende kann infizieren und infiziert werden. 

  • Zu den Körperflüssigkeiten werden (Menstruations-)Blut, Sperma, Ejakulat, Speichel, Vulvaflüssigkeiten, Muttermilch, Analsekrete und Urin gezählt.
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    Sie können durch Hände, Zungen, Penes (das ist übrigens der korrekte Plural von Penis), Sextoys und andere Gegenstände übertragen werden.
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    Abgesehen von den Schleimhäuten als solche schlüpfen die Erreger auch durch kleinste Kratzer, Risse, Schnitte, Wunden, frische Piercings und Tattoos. Schon mal beim Zähneputzen geblutet? Oder auf die eigene Wange gebissen? Beim Rasieren geschnitten? Schwupps ist da auch schon ein möglicher Übertragungsweg!
  • Diese Schlupflöcher können von uns auch ganz unbemerkt bleiben und zum Beispiel auch ganz unabsichtlich erst durch bestimmte Praktiken wie Analsex (ob mit Finger, Penis oder Toy) entstehen. Gerade die Analschleimhaut ist besonders empfindlich.

Ein Kondom schützt vor dem direkten Kontakt mit dem Penis sowohl beim Oralsex als auch bei der Penetration. Und genauso schützt ein Lecktuch vor dem direkten Kontakt mit dem weiblichen Genitale oder dem Anus bei allen Geschlechtern.

HIV ist nicht die einzige STI!

HIV Schleife - Lecktuch

Vielleicht denkst Du jetzt, dass ich übertreibe und ungeschützter Oralsex schon nicht so schlimm sein kann. Und tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, sich beim Lecken mit HIV anzustecken auch relativ gering. Zumindest solange kein Menstruationsblut im Spiel ist.

Aber es gibt eben auch noch andere Infektionen wie zum Beispiel die Humanen Papillomviren (HPV). Die meisten Menschen stecken sich im Laufe ihres Lebens damit an. Bei den meisten passiert auch gar nichts weiter. Einige Viren jedoch sind verantwortlich für Feigwarzen oder manche sogar für Krebs. Und hier wird es ganz böse. Prominentes Beispiel ist Michael Douglas, der 2013 wegen seiner ausufernden sexuellen Kontakte in Verbindung mit seinem Kehlkopfkrebs in die Schlagzeilen gelangte.

Gegen HPV können wir uns impfen lassen, allerdings nur bevor eine Ansteckung erfolgt. Da die Viren so verbreitet sind, ist es daher sinnvoll, dies so früh wie möglich in Angriff zu nehmen, also vor dem ersten sexuellen Kontakt. Die HPV-Impfung wurde bislang nur für Mädchen empfohlen. Seit 2018 übernehmen die Krankenkassen diese Impfung aber auch für Jungen.

Was gibt es noch? Syphilis, Hepatitis B, Chlamydien undundund. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Und STI erkennen wir nicht an ihrem Aussehen. Wir können die Erreger unerkannt in uns tragen und sie dabei auch übertragen. Und nebenbei bemerkt, ein Lecktuch schützt nicht nur vor STI sondern auch vor Darmbakterien und Darmparasiten. 

Warum Lecktuch eigentlich der falsche Begriff ist

Lecktücher aus Stoff?

Ein Lecktuch ist gar kein Tuch sondern eine Folie. Denn Tücher sind durchlässig. So wie Halstücher, Handtücher, Taschentücher. Letztere sind ein ganz vorzügliches Beispiel für unser Thema.

Wir benutzen sie, um unsere laufende Nase zu säubern. Wie oft kommt es vor, dass wir dabei nasse Finger bekommen! Die Flüssigkeit und damit auch alle Bakterien, Viren und Keime breiten sich auf unseren Fingern aus.

Würde man also ein Lecktuch tatsächlich aus Tuch herstellen, würde es seine Aufgabe verfehlen. Schließlich geht es ja gerade darum, nichts durchzulassen. Und so ist ein Lecktuch eigentlich eine Leckfolie, ein Tuch aus Latex. 

Lecktücher kaufen oder basteln

Ganz fachgemäß gibt es Lecktücher in der Apotheke, in manchen Drogerien, im Sexshop und über Amazon. Du findest sie auch unter der Fachbezeichnung Dental Dam. Um den Gummigeschmack zu überdecken, gibt es sie, wie auch Kondome, in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

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Nun muss ich gestehen, dass ich die Preise sehr überteuert finde. Deshalb habe ich einen Tipp für Dich: Nimm einfach Frischhaltefolie! Hier kannst Du selber die Größe bestimmen. Und wenn es mit der Anwendung nicht sofort klappt, kannst Du Dir schnell ein neues Stück zurechtschneiden. Aufgeschnittene Einmalhandschuhe oder Kondome lassen sich übrigens auch prima umfunktionieren.

So wird ein Lecktuch angewendet

Um ein Lecktuch zu verwenden bedarf es keiner großen Übung. Dieses wird großflächig über die Vulva und/oder den Anus gelegt und schützt damit wie ein Kondom vor der Übertragung von Erregern. Damit es gut hält, kann manfrau es vor dem Auflegen mit einem Gleitmittel benetzen. Achtung Latex! Wie auch bei Kondomen darf hier kein Fett im Spiel sein, da dieses das Material angreift und dann womöglich doch noch Erreger durch kleinste Risse hindurchschlüpfen könnten.

Eine herbe Enttäuschung hält das Lecktuch bei aller Sicherheit dann doch noch bereit: Du kannst zwar fühlen, was Du mit der Zunge berührst oder was von der Zunge berührt wird. Nur schmecken und riechen kannst Du es nicht, da es sich ja nun einmal hinter der Folie verbirgt.

Nur zur Sicherheit: Du kannst ein Kondom aufschneiden und als Lecktuch verwenden. Aber Du kannst Dir umgekehrt keine Frischhaltefolie um den Penis wickeln und hoffen, Dich damit ebenso zu schützen! 

Wenn Du Deine Sexpartner oder Sexpartnerinnen häufiger wechselst, solltest Du auch beim Oralsex unbedingt auf Safer Sex achten!

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Anja Drews
 

Als Dipl.-Sexualpädagogin, Sexualtherapeutin und Sexualwissenschaftlerin unterstütze ich Menschen dabei, ihren ganz eigenen Weg in dieser wohl spannendsten und vielfältigsten Seite unseres Lebens zu finden. Meine Arbeit erfüllt mich mit großer Freude und begeistert mich immer wieder aufs Neue! Ausführliche Informationen über mich findest du hier auf der Seite.

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